Im Gespräch mit dem internationalen Landschaftsarchitekten Rainer Schmidt.

 

Municorn: Was war Ihre zentrale Idee für die Freiraumgestaltung von Municorn – vom Erdgeschoss über die Fassadenbegrünung bis hin zur Terrasse im 6. Obergeschoss?

Rainer Schmidt: „Die zentrale Idee bestand darin, Municorn als grünen Auftakt des neuen Quartiers Sugar Valley zu gestalten. Das Gebäude befindet sich in prägnanter Ecklage auf dem Gelände eines ehemaligen Betonwerks und sollte trotz der dichten Bebauung möglichst viele Freiräume bieten. Ziel war es, ein Gebäude zu schaffen, das eher den Eindruck von „Arbeiten im Grünen“ vermittelt als den eines klassischen Bürostandorts in der Stadt. Die begrünten Pflanzbalkone ziehen sich als „hängende Gärten“ über alle Geschosse und verbessern gleichzeitig das Mikroklima und die Biodiversität und sorgen für eine Beschattung der Fassade. Auch die Gestaltung des Erdgeschosses greift die Geschichte des Ortes auf: Großformatige Schwerlastplatten erinnern an die industrielle Nutzung des ehemaligen Betonwerks und verbinden Vergangenheit und Zukunft des Standorts. Die Tankstelle wurde als begrünte „Erlebnistankstelle“ konzipiert und fügt sich durch blühende Pflanzen in das Gesamtkonzept ein. Herzstück der Freiraumgestaltung ist der intensiv begrünte Dachgarten im 1. Obergeschoss mit Zen-Pavillon, Teich und Aufenthaltsbereichen. Ergänzt wird das Konzept durch weitere begrünte Terrassen in den oberen Geschossen sowie eine extensive Dachbegrünung mit Kräutern und blühenden Pflanzen. Über alle Ebenen hinweg entsteht dadurch ein zusammenhängendes, organisches Gesamtbild.“

Municorn: Die Terrasse im 1. Obergeschoss ist mit Staudengärten, Aufenthaltsbereichen und besonderen Gestaltungselementen als eigenständiger Erlebnisraum konzipiert. Welche Atmosphäre wollten Sie dort schaffen?

Rainer Schmidt: „Mit der Terrasse im 1. Obergeschoss sollte bewusst die klassische Vorstellung eines Büros aufgebrochen werden. Statt einer rein funktionalen Arbeitsumgebung entstand ein Gartenraum, der Arbeiten, Meetings, Rückzug und Erholung gleichermaßen ermöglicht. Die organische Formsprache ohne gerade Linien schafft eine lockere und freie Atmosphäre fern des typischen Bürocharakters. Rückzugsnischen, Lounge-Möbel und unterschiedliche Aufenthaltsbereiche machen die Terrasse zu einem Lebensraum und nicht nur zu einem Arbeitsort. Im Zentrum steht der Zen-Pavillon mit vertikalen Strukturen und einem schwebenden Dach, der einen Baum einrahmt und in einen Teich integriert ist. Der Pavillon kann sowohl für Meditation und Ruhe als auch für Veranstaltungen genutzt werden und bildet den räumlichen Mittelpunkt der Terrasse. Hochwachsende Gräser, Stauden und blühende Pflanzen rahmen den Bereich zusätzlich ein. Warme Holzbeläge sorgen für Gemütlichkeit und laden dazu ein, Kraft zu tanken und Zeit im Freien zu verbringen.“

Municorn: Welche Rolle spielt die Fassadenbegrünung für die architektonische Wirkung und das Mikroklima des Gebäudes?

Rainer Schmidt: „Die Fassadenbegrünung spielt sowohl gestalterisch als auch ökologisch eine zentrale Rolle. Visuell sollte das Gebäude wie eine „grüne Skulptur“ wirken und einen hohen Wiedererkennungswert innerhalb des Quartiers erhalten. Dafür wurden Pflanztröge direkt in die Fassade integriert und mit hängenden Pflanzen begrünt, die die Brüstungen und Fassadenbereiche über alle Ebenen hinweg begleiten. Gleichzeitig übernimmt die Begrünung wichtige klimatische Funktionen. Die Pflanzen wirken als natürlicher Sonnenschutz, verbessern durch Verdunstung das Kleinklima und tragen zur Sauerstoffproduktion bei. Darüber hinaus fördern sie die Biodiversität und schaffen Lebensräume für Insekten und Vögel.“

Municorn: Wie soll der Außenraum von den Menschen erlebt und im Alltag genutzt werden? Welche unterschiedlichen Aufenthaltsqualitäten gibt es?

Rainer Schmidt: „Der Außenraum wurde als Teil einer modernen Arbeitswelt verstanden, die auf Kommunikation, Austausch und Begegnung ausgerichtet ist. Arbeiten findet heute nicht mehr ausschließlich am Schreibtisch statt, sondern zunehmend auch in Zwischenräumen, Freiflächen und informellen Bereichen. Deshalb wurden die Außenbereiche bewusst so gestaltet, dass sie zum Aufenthalt und zum Verweilen einladen. Sitzmöglichkeiten im Erdgeschoss sowie der Boulevard schaffen Orte für spontane Begegnungen und verbinden öffentliche mit privaten Bereichen. Die eingezogenen Terrassen in den oberen Geschossen ermöglichen es den Nutzerinnen und Nutzern, direkt mit der Begrünung in Kontakt zu treten und zwischen Innen- und Außenraum zu wechseln. Dadurch entstehen unterschiedliche Aufenthaltsqualitäten – von kommunikativen Bereichen bis hin zu ruhigen Rückzugsorten.“

Municorn: Wie werden sich die Freiräume im Laufe der Jahre verändern – und woran erkennt man, dass das Konzept langfristig erfolgreich ist?

Rainer Schmidt: „Die Freiräume sind bewusst so angelegt, dass sie sich im Laufe der Jahre weiterentwickeln und an Qualität gewinnen. Mit der Zeit wachsen und verdichten sich die Pflanzen, die Bäume gewinnen an Größe und der gesamte Standort wird grüner und lebenswerter. Dieser Reifeprozess ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Um die langfristige Entwicklung zu sichern, wurden automatische Bewässerungssysteme sowie ausreichend Boden- und Wurzelräume eingeplant. Zusätzlich sorgt die Auswahl von Pflanzen mit unterschiedlichen Blühzeiten dafür, dass die Außenräume über das ganze Jahr hinweg abwechslungsreich und lebendig wirken.“

Municorn: Gibt es ein Detail oder einen Bereich innerhalb des Projekts, auf den Sie sich besonders freuen, wenn alles vollständig eingewachsen und belebt ist?

Rainer Schmidt: „Besonders spannend wird der Erdgeschossbereich sein, der mit seinem Bezug zum ehemaligen Betonwerk eine starke Identität entwickelt und gleichzeitig als einladender Übergang vom Boulevard zum Gebäude und zum gesamten Quartier fungiert. Auch das Bild des vollständig begrünten Gebäudes mit seinen bepflanzten Balkonen und Fassaden wird dem Projekt einen hohen Wiedererkennungswert verleihen. Ein weiteres Highlight ist die Dachterrasse im 1. Obergeschoss mit ihrem Zen-Pavillon und der organischen Formsprache, die ihre volle Wirkung erst entfalten wird, wenn die Vegetation vollständig eingewachsen ist.“